Borgs sind nicht nur virtuell. Aber effizient.
"Race against the Machine" ist das neue Buch von Andrew McAfee und Erik Brynjolfsson, und das erste Buch, das ich wirklich zur Gänze auf Kindle for iPhone gelesen habe (es gibt keine Printversion). Ich muss sagen - das funktioniert, und ist teilweise sogar praktisch. Was bereits direkt zum Thema führt: Welchen Einfluss haben Technik und insbesondere Digitalisierung auf Wirtschaft und Arbeitsleben? Wie sind Phänomene wie die jobless Recovery - Wirtschaftswachstum bei steigender Arbeitslosigkeit - möglich, und sind sie eine Bedrohung? Und wie reagieren wir angemessen in digitalen Zeiten?

McAfee und Brynjolfsson führen eine Reihe von Daten, Entwicklungen und Grafiken ins Treffen, die wachsende Ungleichheit dokumentieren.
Die Rezession der Jahre 2008/2009 konnte in den USA schnell abgefangen werden, Wirtschaftsdaten entwickeln sich stabil nach oben - aber die Arbeitslosigkeit wächst ebenfalls.
Einkommen steigen - aber nur bei den oberen 10%; und während die oberen 10% ihre Situation in den letzten 40 Jahren nur leicht über Stagnationsniveau verbessert haben, ist die Situation des obersten einen Prozent regelrecht zum Positiven explodiert.
Und während regionale Geschäftszweige eher lau dahinvegetieren, entwickeln sich vor allem weltweite, digitale, weniger durch physische Grenzen eingeschränkte Businesses umso besser.
Pech für die Zurückgebliebenen, könnte man meinen. - Dass Konzentration von Vermögen in den Händen einiger weniger eher kontraproduktiv für wirtschaftliches Wachstum ist, hat auch Joseph Stiglitz passenderweise im Vanity Fair ausgeführt.
Es ist also durchaus vernünftig, Gegenmittel zu suchen. "The key to winning the race is not to compete against machines, but to compete with machines", schreiben die Autoren. Die Eckpfeiler einer "race-with-machines-strategy" sehen sie in "organizational innovation: co-inventing new organizational structures, processes and business models that leverage ever-advancing technology and human skills."
Und dazu gehören vor allem: Ausbildung, Unternehmergeist (der sich auch innerhalb von Organisationen betätigt), Investitionen in Kommunikations- und Verkehrsinfrastruktur und gesetzliche und steuerliche Massnahmen, die neue Industriezweige fördern (ökologische Steuern, Entlastung von Arbeit, kürzere Copyright-Perioden). - All diese Massnahmen sollen Grundlagen schaffen, die Anreize zur Aneignung neuer Technologien schaffen und es auch leicht machen, sie produktiv einzusetzen.
Ökonomisch und politisch betrachtet sicher richtig. Es ist aber ebenso wenig zu bezweifeln, dass solche Massnahmen vielleicht einige Chancen gerechter verteilen können, dass aber dennoch Entwicklungsunterschiede nicht durch digitale Technologien verursacht werden, sondern eher von diesen verdeutlicht werden. Es ist nicht jedermanns Sache, die Initiative zu ergreifen, neues zu beginnen, Dinge überhaupt zu beginnen, den gewohnten Aktionsradius zu vergrößern.
Das liegt auch daran, dass vor allem (digitale) Medien weit mehr fixer Bestandteil unserer selbst sind, als wir annehmen möchten. Diesem Punkt geht der australische Philosoph Andy Clark in seinem Buch "Supersizing the Mind" mit der Extended-Mind-Theorie nach. Geistige Prozesse, so seine These, finden nicht nur innerhalb des Gehirns statt; auch Hilfsmittel wie Notizbücher, Smartphones oder digitale Dateien sind genauso wichtige Bestandteile von Erkenntnisprozessen. Clark analysiert verschiedene Kriterien (Exklusivität - inwiefern stehen diese Medien und deren Inhalte nur mir zur Verfügung, Verlässlichkeit - wie sicher sind deren Inhalte, Unmittelbarkeit - wieviel steht zwischen medial und direkt erinnerten Inhalten) und kommt für sich zu dem Schluss, dass wir Medien ganz selbstverständlich benutzen können - ebenso wie unser Gehirn (über das wir grundsätzlich ohnehin weniger wissen als über andere Medien…)
Allerdings ist auch das nicht jedermanns Sache. Manche lassen keine Erweiterungen zu; die Integration diverser Erweiterungen ist mehr oder weniger flüssig und effizient. - Manche Ungleichheiten sind somit nicht "nur" durch Chancengleichheit zu beheben, sondern es braucht schlichte Bewusstseinsbildung bei bei Betroffenen. Media Literacy ist, aus dieser Perspektive betrachtet, auch ein Evolutionsproblem: Die (digitalen) Erweiterungen mancher User funktionieren wie angewachsen, die anderer bleiben lang ein Fremdkörper.
Organisationsentwicklung als Change-Disziplin kennen wir; die Supersize-Diskussion könnte sich dann auch zur medialen Organismusentwicklung auswachsen.
Mir gefällt weniger der schon ein bisschen ins esoterisch gehende Beigeschmack dieser Gedanken, sondern die zu Ende gedachte Konsequenz: Es liegt nicht immer nur an Rahmenbedingungen, an denen dort drüben oder da oben, sondern zum großen Teil (unter chancengleichen Individuen, die es innerhalb eines Unternehmens grundsätzlich gibt; ein natürliches Chef- Nicht-Chef-Gefälle würde ich nicht als Chancenungleichheit bezeichnen) an uns selbst. - Es gibt nichts gutes, ausser man tut es, und Verpflichtungen oder Verantwortlichkeiten sind auch eine solides Basis für Gestaltungsspielraum. - Dass solche Perspektiven Allmacht und Ohnmacht zugleich bedeuten können, habe ich schon einmal zu erklären versucht.
Clarks Überlegungen sind abstrakt philosophisch und beschäftigen sich mit Möglichkeiten. Lösungen und Konsequenzen sind nicht ihr vorrangiges Ziel.
Wie halten das McAfee und Brynjolfsson? Neben den schon angeführten Lösungsvorschlägen führen sie auch noch Robert Solow ins Treffen, der den Wirtschaftsnobelpreis für seine Darstellung bekommen hat "that economic growth does not come from people working harder, but rather from working smarter. That means using new technologies and new techniques of production to create more value without increasing the labor, capital and other resources used."
Work smarter statt harder in neuen Organisationsformen - dazu drängt sich, weil ich auch hier unlängst etwas gelesen habe, der Coase-Kostenfaktor
Und das führt mich wieder zu der Vermutung: Je flüssiger die Integration zwischen einem Individuum und seinen Mitteln, desto geringer sind diese Organisationskosten.
Und schliesslich: Heute wird diese Organisation nie abgeschlossen sein. Es geht nicht darum, die perfekte Organisation zu finden, sondern eine Organisation, die mit verschiedenen Organisationsformen umgehen kann. Und dazu, einmal mehr, ist es unverzichtbar, seine Mittel zu kennen und zu beherrschen - am besten, als seien sie angewachsen…
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